Institut für Forensische Psychiatrie
 
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Chronische Rückfalldelinquenz im Indviduellen Menschlichen Entwicklungsverlauf

- Berliner CRIME-Studie -

Zielstellung, Datenbasis, Empirischer, theoretischer und methodischer Hintergrund, Auszüge aus den Ergebnissen, Projektbericht, Literatur

(Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft von 2000 - 2004)


Projektleiter

PD Dr. phil. Klaus-Peter Dahle


Mitarbeiter/innen

Dipl.-Psych. Dr. phil. Katja Erdmann
Dipl.-Psych. Vera Schneider
Dipl.-Soz.-Päd. Bernd Sprenger
Dipl.-Psych. Franziska Ziethen


Bild der Crime-Arbeitsgruppe
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Zielstellung

Die Berliner CRIME-Studie, die unter Leitung von PD Dr. phil. K.-P. Dahle durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgesellschaft gefördert wird, verfolgt drei miteinander verzahnte Hauptzielstellungen:
  1. Analyse der Langzeitverläufe delinquenter und krimineller Verhaltensmuster im Lebenszyklus männlicher (z.T. ehemaliger) Rechtsbrecher und Aufklärung der Hintergründe für unterschiedliche Verlaufsformen
  2. Entwicklung und Überprüfung prognostischer Methoden zur Vorhersage von Rückfalldelinquenz in unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Betroffenen
  3. Untersuchung von Voraussetzungen und Effizienz therapeutischer Interventionen bei Personen mit unterschiedlicher biographischer und delinquenter Entwicklung

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Datenbasis

Im Jahre 1976 wurde unter Leitung des damaligen Leiters des Berliner Instituts für Forensische Psychiatrie, Prof. Dr. Wilfried Rasch (1925-2000), eine Studie an einer unselektierten Stichprobe von 397 männlichen, erwachsenen, deutschsprachigen Strafgefangenen des Berliner Strafvollzuges begonnen. Neben Aktenanalysen zur Erhebung der Spezifika des aktuellen Delikts fanden mit den einzelnen Probanden umfangreiche Explorationen zur Biographie, zur aktuellen Lebenssituation, zur strafrechtlichen Vorgeschichte, zu Einstellungen, zur medizinischen Anamnese u.ä. statt. Ferner wurden persönlichkeits- und leistungsdiagnostische sowie medizinische Untersuchungen (Aktualstatus und für eine Teilstichprobe EEG-Untersuchungen) durchgeführt.

Das Projekt wurde in mehreren Schritten fortgeführt. Zunächst wurden anhand der Gefangenenpersonalakten die zur Erstuntersuchung angetretenen Haftverläufe der einzelnen Probanden nachvollzogen. Dazu wurden Daten zum formalen Haftverlauf, zum Vollzugsverhalten, zur sozialen Einbettung sowie zu Einschätzungen der Anstalt erfaßt. In einem weiteren Schritt wurde mit Hilfe von Bundeszentralregisterauszügen (Stand: 1997) die weitere "offizielle" strafrechtliche Entwicklung der Probanden nachgezeichnet. Weiterhin wurden die Sterbedaten und -ursachen für diejenigen Probanden ermittelt, die seit der Ersterhebung 1976 mittlerweile verstorben sind - für die nicht-natürlichen Todesfälle sollen die gerichtsmedizinischen Unterlagen weitere Hinweise geben. Um die biographische Entwicklung seit 1976 zu erhellen und um die Hintergründe unerwarteter Delinquenzverläufe zu erkunden, wurde eine persönliche Nachuntersuchung der noch lebenden Probanden durchgeführt. Geplant für 2006 ist eine nochmalige Einsichtnahme in die BZR-Auszüge, um Hinweise auf delinquentes Verhalten in späteren Lebensabschnitten zu bekommen.

Erhebungen an weiteren Stichproben ergänzen die Hauptstudie. Sie dienen der Validierung von Zwischenergebnissen aus dem Hauptprojekt und der Untersuchung spezieller Teilfragestellungen. So geht eine Untersuchung ehemaliger Sexualstraftäter, die zwischen 1988 und 1998 aus der Sozialtherapeutischen Anstalt Berlin oder aus dem Regelvollzug entlassen wurden der Frage nach etwaigen Besonderheiten dieser speziellen Delinquentengruppe nach. Verschiedene Erhebungen an ehemaligen Gutachtenprobanden aus dem Institut dien(t)en der Überprüfung von Befunden aus dem Hauptprojekt (zu Delinquenzursachen, zu prognostischen Risikoprädiktoren u.ä.) an weiteren Stichproben.


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Empirischer, theoretischer und methodischer Hintergrund

Verlaufsbezogene Forschung delinquenter/krimineller Entwicklungen

Der Forschungsstand betreffend Verlaufsformen und Risikofaktoren delinquenter Entwicklungen, die Wechselwirkungen bedeutsamer Aspekte und ihrer alters- und entwicklungsabhängigen Einflußmechanismen sowie nicht zuletzt ihre Interaktionen mit möglichen Schutzfaktoren hat in den vergangenen 10 bis 15 Jahren erheblich zugenommen. Allerdings hat sich die entwicklungsbezogene Forschung bislang stark auf die frühen Stadien konzentriert. So beleuchten vorliegende (weitgehend ausländische) Studien die Entwicklungspfade in frühen Phasen (Kindheit und Jugend) vergleichsweise differenziert, während ihr weiterer Verlauf in späteren Lebensabschnitten noch weitgehend im Dunkeln liegt. Vom theoretischen Anspruch einer tatsächlich den Lebenszyklus umfassenden Perspektive (i.S. der "Life-Course-Theories") aus betrachtet, steht die Forschung insofern erst an ihrem Anfang. Darüber hinaus liegen den vorliegenden Untersuchungen häufig hochselektierte Stichproben spezifischer Hochrisikogruppen zugrunde.

Durch das Vorliegen einer umfangreichen, unselektierten Ausgangsstichprobe, die erstmals bereits vor 25 Jahren untersucht wurde und deren Entwicklung durch Aktenmaterial und Nachbefragungen weiterverfolgt werden soll, ermöglicht die Berliner CRIME-Studie eine tatsächlich den Lebenszyklus umfassende Forschungsperspektive.

Bei der Auswertung werden zwei unterschiedliche Wege beschritten. Einerseits sollen mit geeigneten statistischen Prozeduren prototypische Entwicklungsverläufe identifiziert und hinsichtlich biographisch bedeutsamer Faktoren analysiert werden (nomothetische Auswertung; zu bereits vorliegenden Ergebnissen s.u.). Andererseits erlaubt das sehr detaillierte Fallmaterial den Versuch individuumsbezogener biographischer Rekonstruktionen (idiographische Auswertung), um für jeden einzelnen Probanden gezielt überprüfbare individuelle Theorien seiner spezifischen Delinquenz zu entwickeln.


Forschung zu Kriminalprognosen (Rückfallprognosen)

Einen Schwerpunkt der Berliner CRIME-Studie stellt die Überprüfung und (Weiter-) Entwicklung prognostischer Methoden zur Vorhersage von Rückfalldelinquenz in unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Betroffenen dar.

Die derzeit wohl einflußreichsten empirischen Arbeiten zur Entwicklung effizienter Methoden zur Prognose von Rückfälligkeit mit kriminellem/gewalttätigem Verhalten stammen von nordamerikanischen Arbeitsgruppen. Gemeinsames Ziel der Arbeiten ist der Versuch, Prognoseinstrumente zu entwickeln, die unter testtheoretischen Gesichtspunkten reliabel anzuwenden sind und eine möglichst treffsichere Prognose erlauben (z.B. PCL-R, HCR-20, LSI-R). Letztlich handelt es sich bei diesen Instrumenten um eine Fortsetzung der Tradition statistischer Prognosemethoden, ihr Fortschritt gegenüber älteren Ansätzen besteht in einer weitergehenden theoretischen Fundierung und dem Einbezug von dynamischen, also veränderbaren und potentiell Behandlungsbemühungen zugänglichen Faktoren.

Da entsprechende systematische Untersuchungen bisher weitgehend ausstanden, wurde die Anwendbarkeit der genannten Instrumente auf deutsche Strafgefangene anhand der CRIME-Stichprobe erprobt, und ihre prognostische Validität über einen längeren Vorhersagezeitraum untersucht.

Grundsätzliche Einschränkungen der Aussagekraft der Instrumente bei kriminalprognostischen Fragestellungen ergeben sich aus Ergebnissen der vorliegenden ausländischen Studien, die darauf verweisen, daß die Instrumente zwar geeignet erscheinen, bestimmte Personengruppen mit sehr hohem Rückfallrisiko relativ zuverlässig zu identifizieren (z.B. die sogenannten "Psychopaths" durch die PCL-R). Jedoch handelt es sich nicht bei allen Rückfalltätern um "Psychopaths", so daß andere Personengruppen mit hohem Rückfallrisiko mittels der vorhandenen Instrumente nicht ohne weiteres erkennbar sind.

Darüber hinaus ergeben sich Einschränkungen der Anwendbarkeit der verfügbaren Instrumente auch unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen Kriminalprognosen relevant werden. So sind Prognosestellungen gefordert, die den spezifischen Gegebenheiten des individuellen Einzelfalls gerecht werden, wozu statistische Methoden allein nicht in der Lage sind - sie können nur wichtige Basisinformationen liefern.

Das von der hiesigen Arbeitsgruppe entwickelte "Prozeßmodell klinisch-prognostischer Urteilsbildung" (vgl. Dahle, 1997, 2000) steht als einzelfallbezogene klinisch-idiographische Methodik nicht in Konkurrenz zu aktuarischen Methodenentwicklungen. Angestrebt wird vielmehr eine Verknüpfung der Strategien dergestalt, daß im Rahmen individueller Prognosestellungen relevante statistische Methoden (wie auch anderweitige empirisch fundierte Kenntnisse über Rückfälligkeit und delinquente Entwicklungsverläufe) systematisch einbezogen werden. Die Entwicklung methodischer Standards, die eine solche Verknüpfung systematisieren, ist ein Hauptziel des Forschungsprojekts.



Forschung zur Straftäterbehandlung

Zur Frage der Behandelbarkeit von Personengruppen mit unterschiedlichen delinquenten Entwicklungsverläufen und zur Effizienz bei der Beeinflussung des weiteren Entwicklungsweges liegen mittlerweile einige Forschungsarbeiten und metaanalytische Beiträge vor. Zusammenfassend deuten die Befunde darauf hin, daß sich eine effiziente Straftäterbehandlung verstärkt um spezifische Methodenentwicklungen bemühen sollte. Einfache Übertragungen von Behandlungsmethoden, die an ganz anderen Zielgruppen entwickelt wurden, auf straffällige Populationen, führen demnach in der Regel nicht weit oder zeigen mitunter sogar negative Effekte. So sollten Konzepte der Behandlung von Straftätern den motivationalen und situativen Besonderheiten der Zielgruppe Rechnung tragen. Darüber hinaus scheint eine stärkere Differenzierung zwischen Rechtsbrechern mit unterschiedlichen delinquenten Entwicklungsverläufen erforderlich. Wenngleich die - insbesondere ausländische - Forschungslandschaft der vergangenen Jahre Fortschritte erkennen läßt, besteht hier noch erheblicher Forschungsbedarf.

Im Rahmen des Gesamtprogramms der Berliner CRIME-Studie wird die Effizienz der derzeit im Rahmen des Strafvollzugs praktizierten (sozial- und psycho-)therapeutischen Konzepte untersucht, und spezifische Behandlungsvoraussetzungen bei unterschiedlichen Tätergruppen werden analysiert. Aus den Befunden sollen adäquate Behandlungsprinzipien abgeleitet werden. Diese Einzelfragen werden überwiegend durch Erhebungen an gesonderten Untersuchungsgruppen bearbeitet.


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Auszüge aus den Ergebnissen

Rückfälle


 Basisrückfallraten der Gesamtstichprobe für unterschiedliche Beobachtungszeiträume und Rückfallereignisse Rückfälle


 Rückfallraten unterschiedlicher Rückfallereignisse in Abhängigkeit vom Anlassdelikta (Gesamtkatamnese) Rückfälle


 Rückfallraten unterschiedlicher Rückfallereignisse in Abhängigkeit von der strafrechtlichen Vorgeschichte (Gesamtkatamnese) Rückfälle



Biographische Delinquenzverläufe

Um der Frage nach den Verlaufsformen delinquenter Entwicklungen im Lebenslängsschnitt der Probanden nachzugehen, wurden ihre nach einzelnen Lebensphasen differenzierten "offiziellen" strafrechtlichen Eckdaten (Alter zum Zeitpunkt des ersten und letzten Delikts, Anzahl strafrechtlicher Eintragungen und Dauer von Freiheitsstrafen jeweils in Vier-Jahres-Intervallen) clusteranalytisch ausgewertet. Die Analyse identifizierte insgesamt fünf Verlaufstypen der so operationalisierten strafrechtsbedeutsamen Entwicklung.

Die Gruppen der sogenannten "Gelegenheitstäter" und "Späteinsteiger" weisen insofern Parallelen auf, als die Probanden beider Gruppen eine eher spät (im Alter von durchschnittlich 24 bis 25 Jahren) beginnende und eher monotrope delinquente Aktivität zeigten. Dennoch lassen sich unterschiedliche Verläufe hinsichtlich der weiteren kriminellen Entwicklung nachweisen.

  1. Gelegenheitstäter: Die mit knapp 47 % der Gesamtstichprobe größte Teilgruppe zeigte eine über den Lebenszyklus gesehen vergleichsweise geringe delinquente Aktivität. Ferner stellte diese Gruppe mit 80 % den weitaus größten Anteil an "Aussteigern".
    Innerhalb der Gelegenheitstäter lassen sich zwei relevante Subgruppen unterscheiden: diejenigen Personen, bei denen Delikte in der lebenslängsschnittlichen Sicht ausgesprochen singuläre Ereignisse darstellten (ein bis drei Einträge insb. wegen Unterhaltspflichtverletzungen, Betrugs-, Wirtschafts- oder anderen Vermögensdelikte, selten wegen Gewalttaten), und diejenigen Probanden, die immer mal wieder auffällig wurden (durchschnittlich elf Einträge), jedoch durchweg mit geringfügigen Delikten (einfache Diebstahls-, Verkehrs- oder gelegentliche Körperverletzungsdelikte), für die in aller Regel Geldstrafen ausgesprochen wurden.

  2. Späteinsteiger: Im Gegensatz zu den Gelegenheitstätern nahm bei den Späteinsteigern (13 % der Gesamtstichprobe) die kriminelle Aktivität nach einer strafrechtlich weitgehend unauffälligen Jugend bis zum Alter von 35 bis 40 Jahren zu und fiel im weiteren Verlauf nur langsam ab. Durchschnittlich fanden sich bei diesen Probanden 17 Einträge im BZR, und jeder von ihnen verbrachte bisher durchschnittlich rund zehn Jahre seines Lebens in Haft. Hinsichtlich der Delikte dominierten (meist schwere) Diebstahls- sowie Betrugs- und andere Vermögensdelikte, während Raub-, Körperverletzungs- oder andere Gewalttaten demgegenüber selten waren.

Im Gegensatz zu den beiden erstgenannten Gruppen wiesen alle übrigen Probanden bereits früh eine rege und auch durchaus polytrope delinquente Aktivität auf. Die durchschnittliche Deliktrate der Jugendzeit war mehr als sechs Mal erhöht, das Erstdeliktalter lag stets vor dem 18. Lebensjahr, meist erfolgten Einträge im Erziehungsregister schon mit 14 oder 15 Jahren, und über 50 % der Probanden berichteten über erste Delikte und Polizeikontakte bereits in der Kindheit. Bezüglich des weiteren Entwicklungsverlaufs zeigten sich verschiedene Varianten:

  1. Jungaktive: 16 % der Probanden erreichten den Gipfel ihrer delinquenten Aktivität hinsichtlich Frequenz und Schwere der Delikte noch bis zum Alter von 25 Jahren, und einige traten nach dem 30. Lebensjahr strafrechtlich gar nicht mehr in Erscheinung. Die meisten blieben allerdings bis in die jüngste Zeit auffällig, jedoch nur sporadisch und mit eher geringfügigen Normverletzungen, für die in der Regel Geld- oder Bewährungsstrafen ausgesprochen wurden.

  2. Altersbegrenzte Intensivtäter: Eine andere Gruppe (11 %) setzte ihre früh begonnene delinquente Entwicklung zunächst fort, wobei sich vor allem die Deliktschwere um das 30. Lebensjahr herum erheblich steigerte. Danach brach die kriminelle Karriere - oftmals eher abrupt als schleichend - ab, und viele Probanden wurden nach dem 35. Geburtstag und nach einer langjährigen Haftstrafe nicht mehr rückfällig.

  3. Persistente Intensivtäter: Etwa 13 % der Stichprobe stellten schließlich zu jeder Lebensphase - auch hinsichtlich Frequenz und Schwere der Delikte - ein hochbrisantes Klientel dar. Ein eindeutiger Altersgipfel der delinquenten Aktivität war nur schwer auszumachen. Im Mittel fanden sich rund 20 Einträge im Strafregister, und mit durchschnittlich über 17 Jahren verbrachten die Probanden mehr als drei Mal soviel Lebenszeit im Vollzug als die übrigen Gruppen. Mit unter 20 % Aussteigern waren die meisten Probanden dieser Gruppe auch noch in den letzten Jahren strafrechtlich auffällig.

Die folgende Abbildung veranschaulicht den lebenslängsschnittlichen Verlauf delinquenter Aktivitäten der unterschiedlichen Verlaufstypen am Beispiel der in den jeweiligen Lebensphasen durchschnittlich in Freiheitsentzug verbrachten Zeit.





Hintergründe und Korrelate der unterschiedlichen Delinquenzverläufe

Die bisherigen Befunde deuten auf eine Bedeutung klassischer "Risikofaktoren" für delinquente Entwicklungen vor allem für die drei Verlaufsvarianten mit frühem Delinquenzbeginn. Dabei fand sich bei den "Jungaktiven" eine gewisse Betonung früher familiärer und soziobiographischer Belastungsfaktoren und bei den "altersbegrenzten Intensivtätern" bei biologischen und persönlichkeitsspezifischen Faktoren. Die "persistenten Intensivtäter" fielen vor allem durch die bereichsübergreifende Kumulation unterschiedlicher Belastungsfaktoren und den Mangel potentieller Schutzfaktoren auf.

Für die beiden spätbeginnenden Karrierevarianten fanden sich hingegen durchweg unterdurchschnittliche Belastungen durch klassische früher Risikofaktoren. Hier deuten die Daten der Hauptstichprobe, die zwischenzeitlich durch Untersuchungen an Gutachtenprobanden bestätigt wurden, auf Kumulationen kritischer Lebensereignisse im Vorfeld der Erstdelinquenz bzw. frühere kritische Ereignisse mit krisenhaften Lebensverläufen bis zur Erstdelinquenz hin (vgl. hierzu Lübeck, 2000).


Prognosemethoden

Analysiert wurden zunächst einige der aktuell meistdiskutierten aktuarischen Prognoseinstrumente amerikanischer Provenienz, einbezogen wurden das Level of Service Inventory Revised (LSI-R), das HCR-20-Schema (deutsche Version) und die Hare Psychopathy Checklist Revised (PCL-R). Es zeigte sich, dass die Verfahren mit einigen wenigen Adaptationen an deutschen Verhältnisse auch bei der hiesigen Stichprobe reliabel anwendbar waren und Vorhersageleistungen erzielten, wie sie auch in der internationalen Literatur berichtet werden. Eine übergreifende Überlegenheit eines bestimmten Verfahrens zeigte sich nicht, doch ergab eine summarische Integration der Befunde dieser Instrumente für unterschiedliche Beobachtungszeiträume und Rückfallkriterien durchgängig leicht bessere Vorhersagen als die Einzelinstrumente. Problematisch erschien die Neigung aller Instrumente, überproportional viele Pbn in mittlere Risikobereiche zu klassifizieren, so dass eindeutige (günstige oder ungünstige) Prognosen nur für relativ kleine Gruppen möglich waren (Mittelfeldproblematik). Erprobt wurde zudem eine spezielle klinisch-idiographische Prognosemethodik. Die auf diesem Weg erstellten Prognosen waren hinreichend reliabel und erzielten durchgängig, d.h. für unterschiedliche Beobachtungszeiträume und Rückfallkriterien, eine bessere Vorhersagegüte als die statistischen Verfahren allein. Insbesondere vermieden sie weitgehend die o.g. Mittelfeldproblematik und vermochten für größere Gruppen eindeutige Aussagen zu machen. Damit liegen erstmals empirische Untersuchungsergebnisse zur Verlässlichkeit einer Prognosemethodik vor, die etwaigen individuellen Spezifika Rechnung zu tragen vermag und insoweit den Vorgaben der Rechtsprechung an Kriminalprognosen im hiesigen Strafrecht genügt. Bei der Würdigung des vergleichsweise seltenen Befunds einer gegenüber statistischen Verfahren überlegenen klinisch-idiographischen Beurteilungsmethodik ist zu bedenken, dass diese Prognosen in der hiesigen Studie explizit in Kenntnis der statistischen Verhältnisse und einer dezidierten Methodik folgten. Es handelte sich insoweit nicht um statistisch blinde oder unmethodische (intuitive) Beurteilungen. Als Quintessenz wurde daher eine zweistufige Beurteilungsstrategie entwickelt, die in systematischer Form sowohl statistisch-empirische Kenntnisse über Rückfälligkeit und Rückfallprädiktoren (einschl. der Ergebnisse aktuarischer Instrumente) als auch klinisch-individuelle Besonderheiten mit Relevanz für die Rückfallwahrscheinlichkeit zu integrieren sucht und sich für die praktische Prognosebeurteilung z.B. im Rahmen von Begutachtungen eignet. Zurück zum Seitenanfang

Weiterführende Informationen / Links

Auszüge aus dem Projektbericht finden sich hier.

Eine ausführliche Darstellung der CRIME Studie und ihrer Ergebnisse im Hinblick auf die Validität von Rückfallprognosen findet sich bei:

Dahle, K.-P. (2005). Psychologische Kriminalprognose: Wege zu einer integrativen Methodik für die Beurteilung der Rückfallwahrscheinlichkeit bei Strafgefangenen. Herboltzheim: Centaurus. Link

Dahle, K.-P. (2006). Strengths and limitations of actuarial prediction of criminal reoffence in a German prison sample: A comperative study of LSI-R, HCR-20 and PCL-R. International Journal of Law and Psychiatry, in press. Artikel zum Download

Literatur

Weitere Publikationen:

Dahle, K.-P. (1997). Kriminalprognosen im Strafrecht - Psychologische Aspekte individueller Verhaltensvorhersagen. In M. Steller & R. Volbert (Hrsg.), Psychologie im Strafverfahren (S. 119-140). Bern: Huber.

Dahle, K.-P. (1998), Straffälligkeit im Lebenslängsschnitt. In H.-L. Kröber & K.-P. Dahle (Hrsg.), Sexualstraftaten und Gewaltdelinquenz. Verlauf - Behandlung - Opferschutz (S. 47-55). Heidelberg. Kriminalistik. Wissenschaft und Praxis.

Dahle, K.-P. (1999). Criminal careers and behavioral pattern in prison. Current Opinion in Psychiatry, 12 (Suppl. 1), 270.

Dahle, K.-P. (2000). Psychologische Begutachtung zur Kriminalprognose. In H.-L. Kröber & M. Steller (Hrsg.). Psychologische Diagnostik im Strafverfahren: Indikation, Methodik und Qualitätsstandards (S. 77-111). Darmstadt: Steinkopff Verlag.

Dahle, K.-P. & Steller, M. (2000). Trends und Perspektiven forensischer Sozial- und Psychotherapie. In M. A. Rothschild (Hrsg.), Das neue Jahrtausend: Anforderungen an die Rechtsmedizin (S. 255-270). Lübeck: Schmidt-Römhild.

Dahle, K.-P. (2001). Violent Crime and Offending Trajectories in the Course of Life: An Empirical Life Span Developmental Typology of Criminal Careers. In D. P. Farrington, C. Hollin & M. McMurran (eds.), Sex and Violence: The Psychology of Crimes and Risk Assessment (pp. 197-209). London, New York: Routledge Publ.

Dahle, K.-P. (2005). Delinquenzverläufe über die Lebensspanne - Anwendungsperspektiven einer entwicklungsorientierten Sichtweise. In K.-P. Dahle & R. Volbert (Hrsg.), Entwicklungspsychologische Aspekte der Rechtspsychologie (S.79-91). Göttingen: Hogrefe.

Dahle, K.-P. (2006). Grundlagen und Methoden der Kriminalprognose. In H.-L. Kröber, D. Dölling, N. Leygraf & H. Saß (Hrsg.), Handbuch der forensischen Psychiatrie; Band 3, Psychiatrische Kriminalprognose und Kriminaltherapie (S.1-67). Stuttgart: Steinkopff.

Dahle, K.-P. (2007). Methodische Grundlagen der Kriminalprognose. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 1, 101-110


Qualifikationsarbeiten aus dem Projekt:

Habilitation:

Dahle, K.-P. (2005). Psychologische Kriminalprognose: Wege zu einer integrativen Methodik für die Beurteilung der Rückfallwahrscheinlichkeit bei Strafgefangenen. Herboltzheim: Centaurus. Link


Abgeschlossene Diplomarbeiten (Psychologie):

Borck, S. (2004). Unterschiede der Vorhersageleistung aktuarischer Prognosen bei unterschiedlichen Personengruppen. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Bullwein, J. (2002)Zur Bedeutung kriminogener Kognitionen und Einstellungsmuster für den Verlauf krimineller Karrieren.

Dobrovoda, H. (2003). Entwicklung eines Instrumentes zur Vorhersage eines geringen Rückfallrisikos bei männlichen erwachsenen Straftätern. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Humboldt- und der Freien Universität zu Berlin.

Galow, A. (2003). Validierung neuronaler Netze als Instrument zur Prognose der Rückfälligkeit von Straftätern. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Hartig, J. (2002). Mögliche Ursachen für die erhöhte Sterblichkeit bei Kriminellen. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Technischen und der Freien Universität Berlin.

Helbig, S. & Möhring, M. (2000). Validierung des HCR-20 und des LSI-R anhand von Daten der Berliner Crime-Studie. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Hoppe, M. (2004). Validierung des LSI-R, des HCR-20 und der PCL-R anhand von Prognosegutachten des Instituts für Forensische Psychiatrie Berlin bei Patienten des Maßregelvollzugs. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Technischen Universität Berlin.

Hupp, E. (2003). Eine Validierung des Violence Risk Appraisal Guides (VRAG) anhand der Daten der Berliner CRIME-Studie. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Karwinkel, U. (2001). Vergleich der spezifischen Vorhersagekraft ausgewählter Rückfallprädiktoren zwischen drei Altersgruppen des frühen Erwachsenenalters: Eine Untersuchung an einer Teilstichprobe der Berliner CRIME-Studie. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Kleinfeldt, Y. (2003). Die aktuelle Lebenssituation im Hinblick auf die Lebenszufriedenheit ehemaliger Delinquenter nach Entlassung aus dem Strafvollzug im Vergleich zu nicht delinquenten Personen: Eine Untersuchung mit einer Teilstichprobe der Berliner CRIME-Studie. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Kniepkamp, K. (1997). Prädiktoren unterschiedlicher Haftverläufe männlicher Strafgefangener. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Lübeck, D. (2000). Ursachen und Risikofaktoren bei spätbeginnenden Delinquenzkarrieren. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Schmidt, N. (1997). Grundlagen prognostischer Urteilsbildung in der Strafvollzugspraxis. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Technischen Universität Berlin.

Melcher, I. (2003). Indikatoren geringen Rückfallrisikos bei Straftätern: Entwicklung diagnostischer Verfahren zur Identifizierung von Low-Risk-Gruppen. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Paul, O. (2004). Der Einfluss von Arbeit und Partnerschaft auf das Delinquenzverhalten von Straftätern im biographischen Längsschnitt. Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Schneider, V. (1999). Evaluation der Psychotherapeutischen Beratungs- und Behandlungsstelle der JVA Tegel: Zur rückfallpräventiven Effizienz einer außergewöhnlichen Behandlungsinstitution. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

v. Strempel-DiChio, M. (2004). Merkmale und Merkmalskonstellationen von "Abbrechern" krimineller Rückfallkarrieren. Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

Weise, K. (2003). Validierung des LSI-R, des HCR-20 und der PCL-R anhand von Daten aus Prognosegutachten des Instituts für Forensische Psychiatrie Berlin. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Technischen Universität Berlin.

Wisheit, A. (1997). Kriminelle Karrieren und ihre Entwicklungsverläufe. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Universität Potsdam und der Freien Universität Berlin.

Ziethen, F. (2002). Rückfallpräventive Effizienz der sozialtherapeutischen Behandlung von Sexualstraftätern: Evaluation der Sozialtherapie in der JVA Tegel. Unveröffentlichte Diplomarbeit an der Freien Universität Berlin.

(Stand: Februar 2002; Klaus-Peter Dahle & Katja Erdmann; aktualisiert im März 2007)


Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft



Letzte Änderung: März 2007

Gestaltung: Anett Galow
Betreuung: Björn Busse
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