Institut für Forensische Psychiatrie
 
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Chronische Rückfalldelinquenz im Indviduellen Menschlichen Entwicklungsverlauf

- Berliner CRIME-Studie II -

Integrative Methoden der Rückfallprognose bei Strafgefangenen mit gravierenden Gewaltdelikten

Zielstellung, Ausgangspunkt, Vorarbeiten, Methodische Strategien, Zusammenfassung der Ergebnisse, Literatur

(Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit März 2005)


Projektleiter

PD Dr. phil. Klaus-Peter Dahle




Mitarbeiter/innen

Dipl.-Psych. Vera Schneider
Dipl.-Psych. Franziska Ziethen
cand. psych. Thorsten Kahnt (bis April 2006)
cand. psych. Sebastian Heß (seit April 2006)
cand. psych. Björn Busse
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Zielstellung

  1. Evaluation der wichtigsten aktuarischen Prognoseinstrumente bei einer Kerngruppe von Gewalt- und Sexualstraftätern mit gravierenden Anlasstaten aus dem deutschen Strafvollzug
  2. Evaluation einer integrativen (nomothetisch-idiographischen) Prognosestrategie bei obiger Kerngruppe
  3. Differentielle Untersuchung der Leistungen der verschiedenen Methoden bei kriminologisch relevanten Subgruppen mit dem Ziel differentieller Indikationsstellungen bzw. optimaler Verknüpfungen
  4. Untersuchung der Ursachen gravierender Rückfälle und insb. von Fehlprognosen mit dem Ziel der Optimierung der Prognosemethode
  5. Entwicklung diagnostischer Instrumente zur Einschätzung der Zuverlässigkeit prognostischer Aussagen im Einzelfall ("prediction of predictability")

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Ausgangspunkt

Angesichts der erheblichen Bedeutung strafrechtlicher Rückfallprognosen im deutschen Strafrecht erscheint der derzeitige Bestand empirisch gesicherter Grundlagen und der Stand wissenschaftlich fundierter Methodenentwicklung anhaltend defizitär. Seit Jahren stammen die wesentlichen Arbeiten hierzu aus Nordamerika, dort wurde eine Anzahl moderner Risikoanalyse- und Prognoseinstrumente entwickelt, die zur Zeit international als "State of the Art" gelten. Auch hierzulande wird ihre Anwendung seit längerem gefordert und zunehmend auch praktiziert, indessen fehlten lange Zeit empirische Belege ihrer Übertragbarkeit auf hiesige Verhältnisse und Erfahrungen über ihre bei hiesigen Straftäterpopulationen erzielbare Vorhersagegüte. Es kommt hinzu, dass sie dem deutschen Recht, das streng einzelfallbezogene Beurteilungen erfordert, nur eingeschränkt Rechnung tragen, da es sich letztlich um nomothetische Verfahren handelt, die auf empirischen Durchschnittsdaten fußen.

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Vorarbeiten

Die hiesige Arbeitsgruppe hat kürzlich eine DFG geförderte Studie abgeschlossen (Dahle, 2004; 2005), in deren Rahmen erstmals einige international eingeführte Prognoseinstrumente an einer größeren unselektierten deutschen Gefangenenstichprobe erprobt wurden (siehe Berliner CRIME-Studie). Dazu zählen Instrumente für spezielle Deliktgruppen (HCR-20; VRAG), Verfahren die auf ein spezielles Persönlichkeitskonstrukt - psychopathy - rekurrieren (PCL-R) und solche der sog. "dritten Generation", die neben statischen auch dynamische Risikofaktoren und Ressourcen der Probanden mit in die Prognose einfließen lassen (LSI-R). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die internationalen Instrumente mit wenigen inhaltlichen Adaptationen an hiesige Verhältnisse auch bei den Insassen deutscher Strafanstalten anwendbar sind und Vorhersageleistungen auf dem Niveau internationaler Befunde erzielen können. Ferner wurde eine dezidierte idiographische Prognosemethodik entsprechend den hiesigen Rechtsanforderungen (das Prozessmodell klinisch-idiographischer Kriminalprognosen, Dahle, 2000) auf ihre reliable Anwendbarkeit und Vorhersagevalidität hin untersucht. Die - in der Studie explizit in Kenntnis der statistischen Zusammenhänge erfolgten - idiographischen Prognosen erzielten durchgängig eine höhere Vorhersagegenauigkeit als die aktuarischen Instrumente allein, insbesondere vermochten sie einige methodenimmanente Probleme und Einschränkungen statistischer Prognosen (relativ viele "falsch positive" Urteile bei der Vorhersage gravierender Rückfälle, hoher Anteil "durchschnittlicher" Probanden mit unklarer Prognose, Abhängigkeit der Prognosegüte von bestimmten Tätermerkmalen) zu reduzieren. Auf der Basis der Ergebnisse der Studie wurde eine integrative, zweistufige Prognosemethodik entwickelt, die zunächst systematisch den Bestand empirischer Kenntnisse über Rückfallfaktoren (unter Einbezug der o.g. Instrumente) einbezieht und hierauf aufbauend eine individuelle Einschätzung auf der Grundlage eines idiographischen Beurteilungsmodells vornimmt (siehe Abbildung 1).

Die Abbildung zeigt ein Modell zur integrativen Prognosebildung mit statistisch-nomothetischen und klinisch-idiographischen Beurteilungsschritten

Die aktuelle Studie soll die vorangegangenen Arbeiten inhaltlich und methodisch aufgreifen und an einer speziellen Kerngruppe von Straftätern mit besonders gravierenden Anlasstaten fortsetzen. Die Stichprobe setzt sich aus Gefangenen mit Tötungsdelikten, Sexualstraftaten und anderen gravierenden Gewalttaten sowie Sicherungsverwahrten (aktuell N=260) der Entlassungsjahrgänge 1995-1998 des Berliner Strafvollzugs zusammen. Für die Probanden werden "blind", d. h. in Unkenntnis der weiteren Biographie und strafrechtlichen Entwicklungen, retrospektiv auf Grundlage umfangreicher Aktenanalysen (Ermittlungsakten, Urteile, Vorgutachten, Gefangenenakten, Haftuntersuchungen usw.) Prognosen mit den o. g. Instrumenten und Methoden erstellt. Durch die Sichtung der Bundeszentralregisterauszüge (Stand Januar 2006; Beobachtungszeitraum 8-11 Jahre) werden diese Einschätzungen hinsichtlich ihrer Vorhersagegüte untersucht. Nachuntersuchungen der Hintergründe gravierender Rückfälle sollen mit dem Ziel der methodischen Weiterentwicklung durchgeführt werden. Eine weitere Fragestellung von CRIME II bezieht sich auf die Grenzen der Vorhersagbarkeit von strafrechtsrelevantem Verhalten. Dazu soll untersucht werden, ob Verfahren entwickelt werden können, um die differentielle Zuverlässigkeit prognostischer Urteile einschätzbar zu machen ("prediction of predictability").

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Methodische Strategien und Auswahl der in der Studie einbezogenen Instrumente


Methodische Strategien




Alle Probanden:

  • OGRS 3: Offender Group Reconviction Scale Version 3 (Home Office, 2007)
  • RM-V: Risk-Matrix-2000 (Violence Risk) (Thornton et al., 2003)
  • EFP-63: Empirisch Fundierte Prognosestellung im Maßregelvollzug nach § 63 StGB (Gretenkord, 2001)
  • LSI-R: Level of Service Inventory – Revised (Andrews & Bonta, 1995)
  • PCL-R: Psychopathy Checklist – Revised (Hare, 1991, 2003)
  • HCR-20: Historical-Clinical-Risk Scheme – 20 (Webster et al., 1997, deutsche Version: Müller-Isberner et al., 1998)
  • VRAG: Violence Risk Appraisal Guide (Quinsey et al., 1998)
  • Dittmannliste (Ermer & Dittmann, 2001): für hiesige Zwecke wurde ein Summenscore der in der Liste erfassten Faktoren gebildet (mit +1 Punkt je Risikofaktor und -1 Punkt je Schutzfaktor) als auch ein Rating nach “klinisch” gewichtetem Eindruck
  • Prozessmodell klinisch-idiographischer Urteilsbildung zur Kriminalprognose (Dahle, 2000)


  • ...bei Sexualdelinquenten zusätzlich:

  • RM-S/C: Risk-Matrix-2000 (Sexual/Combined Risk) (Thornton et al., 2003)
  • Static-99 (Hanson & Thornton, 1999)
  • Static-2002 (Hanson & Thornton, 2003)
  • SVR-20: Sexual Violence Risk Scheme – 20 (Boer et al., 1997; deutsche Version: Müller-Isberner et al., 2000): Summenscore und klinisches Rating
  • SORAG: Sexual Offender Risk Appraisal Guide (Quinsey et al., 1998)
  • MnSOST: Minnesota Sex Offender Screening Tool (Epperson et al., 1998)


  • ...bei Gewalttätern im Partnerschaftskontext zusätzlich:

  • SARA: Spousal Assault Risk Assessment (Kropp et al., 1995)


  • Ergänzend (außer Konkurrenz):

  • PQ-S: Psychopathic Prototype im California Q-Set (Reise & Olliver, 1995)
  • RRS: Rückfallrisiko bei Sexualstraftätern (Rehder, 2001)

  • Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse

    Zunächst zeigte es sich, dass mit den erprobten Methoden weitgehend gute bis sehr gute Beurteilerüber­ein­­stim­­mun­gen möglich waren. Weiterhin erlaubten alle untersuchten Strategien valide – meist hochvalide – Vorhersagen unterschiedlicher Rückfallereignisse; vor allem bei Tätern mit schweren Gewalttaten ergab sich teilweise eine sehr beachtliche Prognosegüte. Dem­gegen­über lagen die Rückfallprognosen der erprobten aktuarischen Instrumente bei den Sexual­straf­tätern oft nur auf moderatem (wenngleich statistisch hochbedeut­samen) Niveau; hier erzielten nur die klinisch-idiographischen Einschätzungen gute Werte. Indessen waren auch bei den übrigen Tätern die idiographischen Prognosen den standar­di­sier­ten Verfahren durchgängig überlegen – sie wurden im Projekt allerdings explizit in Kenntnis der Ergebnisse der Instrumente vorgenommen, um den gegenüber Standardprozeduren erzielbaren Zugewinn an Prognosezuverlässigkeit prüfen zu können. Vergleiche der standardisierten Prognoseinstrumente ergaben zunächst, dass aufwändige komplexe Prozeduren gegenüber rein statistischen Verfahren zwar nicht grundsätzlich pro­gno­stisch überlegen waren, aber substantielle inkrementelle Validität aufwiesen; d.h. sie erbrachten gegenüber bloßer Statistik einen nachweis­ba­ren Zugewinn an prognostischer Güte. Es wurden daher verschie­dene Modelle zur Integration einfacher und komplexer Standardinstrumente mit dem Ziel einer übergreifenden aktuari­schen Rückfallrisikoeinschätzung entwickelt. Diese erwiesen sich gegen­über Einzelinstrumenten als prognostisch überlegen und waren zudem bei Erprobung an unterschiedlichen Teilgruppen in ihrer Zuver­läs­sigkeit stabiler. Die idiogra­phi­schen Beurteilungen blieben indessen auch in Ergänzung zu diesen integrativen Einschät­zun­gen inkrementell hochvalide. Für die prognostische Begutachtungspraxis legen die Befunde der Studie insoweit ein sequenzielles Vorgehen als nach derzeitiger Sachlage „best practice“ nahe, mit mehrstufiger systema­ti­scher Prüfung der aktuarischen Rückfallrisiken und eine hierauf fußende sorgfältige idiogra­phische Fallbeurteilung. Systematische Analysen der Verteilung von Fehl­pro­gno­sen ergaben, dass bei der Vorhersage gravierender und ent­sprechend seltenerer Rückfallereignisse die Risiken falsch-posi­ti­ver Einschätzungen (kein „schwerer“ Rückfall trotz ungünstiger Prognose) deutlich überwogen. Falsch-negative Prognosen („schwerer“ Rückfall trotz günstiger Prognose) waren demgegenüber durchgängig eher selten. Bei Anlage häufigerer Rückfallereignisse (z.B. erneute Haftstrafe) war die Verteilung der Fehlerrisiken erwartungsgemäß ausgewogener. Mit Blick auf potentielle zukünftige Weiterentwicklungen standardisierter Prognosein­stru­mente fanden sich einige vielversprechende Themenbereiche, die in den aktuellen Verfahren nicht oder unzureichend berücksichtigt sind, aber teilweise recht beachtliche und vor allem inkrementelle Validität für die Rückfallprognose aufzuweisen scheinen. Insbeson­dere eine Reihe von Verhaltensvariablen aus der Haft sowie Veränderungen dynamischer Risikofaktoren im Haftverlauf und – zumindest bei Vergewaltigungstätern – Merkmale des genauen Tatverhaltens und Tatbildes erscheinen hier aussichtsreich. Weiterhin ergaben Analysen der Bedeutung situationaler und persönlicher Entwicklungen nach Haftentlassung für das Rückfallverhalten einige hochrelevante Bereiche, die potentiell für die zukünftige Entwicklung von Instrumenten zum postmuralen Risikomanagement geeignet erscheinen.

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    Literatur

    Publikationen:

    Dahle, K.-P. (2000). Psychologische Begutachtung zur Kriminalprognose. In H.-L. Kröber & M. Steller (Hrsg.), Psychologische Begutachtung im Strafverfahren - Indikationen, Methoden und Qualitätsstandards (S.77-111). Stuttgart: Steinkopff. (2. überarbeitete Auflage 2005: dort S. 133-169).

    Dahle, K.-P. (2004). Chronische Rückfalldelinquenz im individuellen menschlichen Entwicklungsverlauf. Die Berliner CRIME-Studie. (Vorläufiger) Endbericht für die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

    Dahle, K.-P. (2005). Psychologische Kriminalprognose. Wege zu einer integrativen Methodik für die Beurteilung der Rückfallwahrscheinlichkeit bei Strafgefangenen. Herbolzheim: Centaurus Verlag.

    Dahle, K.-P. (2006). Grundlagen und Methoden der Kriminalprognose. In H.-L. Kröber, D. Dölling, N. Leygraf & H. Saß (Hrsg.), Handbuch der forensischen Psychiatrie; Band 3, Psychiatrische Kriminalprognose und Kriminaltherapie (S.1-67). Stuttgart: Steinkopff.

    Dahle, K.-P. (2007). Methodische Grundlagen der Kriminalprognose. Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 1, 101-110

    Dahle, K.-P., Schneider, V. & Ziethen, F. (2008). Integrative psychologische Kriminalprognose. Report Psychologie, 33, 184-198.


    Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft


    Letzte Änderung: Mai 2008
    Gestaltung: Anett Galow
    Betreuung: Björn Busse
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