Institut für Forensische Psychiatrie
 
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Chronische Rückfalldelinquenz im Indviduellen Menschlichen Entwicklungsverlauf

- Berliner CRIME-Studie III -

Methoden der Rückfallprognose bei jugendlichen und heranwachsenden Sexual- und Gewaltstraftätern

Ausgangspunkt, Zielstellung


Projektleiter

PD Dr. phil. Klaus-Peter Dahle


Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft


Ausgangspunkt

Nach deutschem Strafrecht ist eine (vorzeitige) Bewährungsentlassung von Rechts­brechern aus Straf‑ oder Maßregelvollzug an die Voraussetzung einer günstigen Kri­minalprognose geknüpft. Seit 1998 müssen hierfür nicht mehr nur bei Maßregel­vollzugsinsassen und Strafgefangenen mit lebenslanger Freiheitsstrafe, sondern im Falle gravierender Anlasstaten auch bei Tätern mit befristeten Haftstrafen von mehr als zwei Jahren spezielle Gutachten erstellt werden (§ 454 II StPO n. F.). Folgt man der Rechtsprechung, der juristischen Kommentarliteratur und den „Mindest­anfor­de­run­gen für Prognosegutachten“ (Bötticher et. al., 2006), so erwartet der Rechts­anwender hierbei eine auf die individuellen Besonderheiten des Ein­zelfalls zuge­schnit­tene dezidierte kli­nisch-idiographische Beurteilung. Eine bloße auf statistische Erfah­run­gen fußende Wahrscheinlichkeitsaussage reicht demnach nicht aus. Prognosegutachten sind weiterhin für die Anordnung einer freiheits­entziehen­den Maßregel erfor­der­lich. Vor allem für die Maßregel der Sicherungsverwahrung (§§ 66ff StGB) hat der Ge­setz­geber in jüngerer Zeit nicht nur die materiellen Anord­nungs­schwellen gesenkt und damit die Anwendungsmöglichkeiten ausgeweitet. Mit Ein­führung der nach­träg­li­chen Sicherungsverwahrung (§ 66b StGB) schuf er auch ein ganz neues Instrument präventiver Kriminalitätsbekämpfung, das die Prognose­methoden und ihre Anwen­der seither vor ganz neue Herausforderungen stellt (vgl. Dahle & Kröber, 2007¹). Für jugendliche Straftäter liegt die Höchststrafe nach dem Jugendgerichts­gesetz (JGG) derzeit bei fünf, in bestimmten Ausnahmefällen bei zehn Jahren. Die Möglichkeit der Anordnung einer Sicherungsverwahrung sieht das Gesetz in seiner bisherigen Form nicht vor. Einer aktuellen Gesetzesinitiative der Bundesregierung zufolge soll nun jedoch auch für diese jungen Täter die Möglichkeit der nach­träg­li­chen Sicherungsverwahrung geschaffen werden, sofern sie wegen schwerer Gewalt- oder Sexualdelikte eine mindestens sieben‑ (aktueller Entwurf des Bundes) bzw. fünfjährige (Forderung einiger Bundesländer sowie der CDU/CSU-Fraktion) Jugendstrafe verbüßt haben. Nach dem Entwurf soll bei dem infrage kommenden Täterkreis am Ende der Haftzeit (sowie bei Anordnung im Weiteren einmal jährlich) durch Gutachten überprüft werden, ob eine weitere Ge­fähr­lichkeit besteht. Gegner des Vorhabens befürchten einerseits die Verwässerung des Resoziali­sie­rungs­gedankens im Jugendstrafrecht² und verweisen andererseits auf Schwierig­keiten einer zuverlässigen Prognose gerade bei jungen Tätern sowie auf das derzeit noch fehlende Prognoseinstrumentarium für diese spezielle Fragestellung³. Dem liegt zugrunde, dass der Bestand empirisch gesicherter Kenntnisse über geeignete Prognosemethoden und die Zuverlässigkeit der mit ihnen erzielbaren Voraussagen gerade bei jungen Straftätern hierzulande tatsächlich ausgesprochen defizitär ist. Für die prognostische Beurteilung erwachsener Täter lassen sich in den vergangenen Jahren international, mittlerweile auch hierzulande, ver­stärkte Bemühungen um die wissenschaftliche Evaluation und Entwicklung fundierter Pro­gno­se­methoden und ‑strategien feststellen. Die meisten Arbeiten betreffen (v. a. im anglo­ame­ri­­kanischen Ausland entwickelte) standardisierte Prognoseinstru­mente für unterschied­liche Anwendungs­zwecke und Zielgruppen. Viele dieser Instrumente haben sich als grundsätzlich valide bei der Vorhersage von Gewalt-, Sexual- oder sonstigen strafrechts­be­deut­samen Rück­fällen bewährt; Übersichten finden sich z. B. bei Andrews & Bonta (2003) oder – speziell auch mit einem Überblick über die deutschsprachige Forschung – bei Dahle, Schneider und Ziethen (2006). Andererseits weisen diese Verfahren auch systematische methodenimmanente Schwächen und Begren­zun­gen auf. Hierzu zählt u. a. eine gewisse Abhängigkeit der Vorhersagegüte von wechselnden Charakteristika der Zielgruppe (u. a. auch vom Alter) sowie ihre prinzipbedingte Neigung zur Überschätzung der Rückfallrisiken, wenn es um die Vorhersage sehr schwerer und entsprechend seltener Rückfallereignisse geht, wie sie bei der Frage nach den Voraussetzungen einer (nachträglichen) Sicherungsverwahrung erforderlich ist (zusammenfassend Dahle, 2007). Vor allem aber, hierauf wurde bereits hingewiesen, erfüllen standardisierte Instrumente die hiesigen gesetzlichen Anforderungen an Rückfallprognosen nicht, da sie aus­schließ­lich auf empirische Durchschnittserfahrungen bauen und etwaige Besonder­heiten des Einzelfalls nicht berücksichtigen. Im Rahmen zweier umfangreicher Studien aus dem hiesigen Haus wurde mit Unterstützung der DFG jedoch nicht nur erstmals systematisch die Übertragbarkeit international be­währter standardisierter Prognoseinstrumente auf deutsche Ver­hält­nis­se untersucht. Es wurde auch eine dezidierte klinisch-idiographische Prognose­methode entwickelt und erprobt, die sich explizit an den hiesigen rechtlichen Anforderungen an Prognose­gut­achten im Strafrecht orientiert. Sowohl an einer repräsentativen Querschnitts­stich­probe männ­licher Strafgefangener (CRIME-I) als auch an einer speziellen Hoch­risiko­stich­pro­be von Sexual- und Gewalttätern mit beson­ders gravierenden Anlass­delikten (CRIME-II) konnte gezeigt werden, dass mit Hilfe dieser idiogra­phi­schen Methodik nicht nur eine objektive und reliable Beurteilung möglich ist. In Ergänzung zu standardisierten Instrumenten durch­ge­führt erzielten sie auch sy­ste­matisch zuverlässigere Vorhersagen als die In­stru­men­te allein und erwiesen sich ins­besondere auch als robuster im Hinblick auf deren skiz­zier­ten Schwächen. Erprobungen an jugendlichen Straftätern, die derzeit im Fokus der kriminal­politischen Debatte und aktueller Gesetzesinitiativen stehen, liegen indes­sen bis­lang noch nicht vor. Die mangelnde empirische Erfahrungsgrundlage gerade bei jungen Tätern erscheint indessen in besonderer Weise problematisch, da diese Tätergruppe die Prognose möglicherweise vor speziellen Anforderungen stellt. Einerseits deuten entwicklungskriminologische Theorien und empiri­sche Befunde darauf hin, dass es sich bei Jugenddelinquenz – auch in schwerer Form – häufig um ein lebensphasisch begrenztes Phänomen handelt und persi­stie­rende Verlaufsformen eher selten sind. Die empirische Abgrenzung lebens­pha­sisch begrenzter („adolescence limited“) und persistenter („life course persistent“) Verläufe und damit die Prognostizierbarkeit gerade in der Übergangsphase ins Erwachsenenalter ist im Vorfeld jedoch schwierig, da sich die während der Jugendphase gezeigte Intensität delinquenten Verhaltens zwi­schen den Gruppen nicht unterscheiden muss. Ob und inwieweit valide Prognosen gerade in dieser Übergangsphase ins Erwachsenenalter gleichwohl möglich und insbesondere die ungünstige Prognose wahrscheinlicher schwerer Rückfälle hin­reichend zuverlässig ist, erscheint insoweit noch unzureichend geklärt. Ein zusätzliches mögliches Problem mag zudem die in einigen Bereichen wachsende Gruppe junger Gewalttäter mit Migrationshintergrund darstellen. Ob und inwieweit bei diesem speziellen Täterkreis dieselben Delinquenz­ursachen und insbesondere auch Rückfallprädiktoren bedeutsam sind wie bei jungen Tätern ohne Migrationshintergrund ist bislang nicht systematisch untersucht.

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Zielstellung

Ziel des Forschungsvorhabens ist die vergleichende Überprüfung der Vorhersagelei­stungen standardisierter Prognoseinstrumente sowie einer komplexen klinisch-idiographischen Beurteilungsmethodik für junge Gewalttäter, insbesondere auch im Hinblick auf die Untersuchung der tatsächlichen Größenordnung der verschiedenen Fehlervarianten der Vorhersagen (falsch positive und falsch negative Einschätzungen) bei unterschiedlichen Entscheidungsschwellen. Darüber hinaus geht es um die Entwicklung einer auf die spezifischen Besonderheiten jugendlicher und heranwachsender Sexual- und Gewaltstraftäter abgestellten integrativen Beurteilungsmethodik, die sowohl empirische Erfahrungen als auch individuelle Aspekte berücksichtigt. Im Fokus stehen dabei junge Täter mit gravierenden Anlasstaten und langen Jugendstrafen, da diese Gruppe im Zentrum der aktuellen Gesetzesnovellen steht. In methodischer Hinsicht beruht das Vorhaben auf den Vorerfahrungen, die in vorherigen Studien mit der Validierung und Weiterentwicklung von Prognosemethoden gewonnen wurden. An standardisierten Verfahren soll einerseits eine Auswahl bewährter Prognoseinstrumente für erwachsene Tätergruppen im Hinblick auf ihre Eignung (auch) für jugendliche bzw. heranwachsende Zielgruppen untersucht werden. Zudem existieren dezidierte Instrumente für jugendliche Täter, die speziell für diesen Täterkreis entwickelt wurden (z. B. SAVRY) oder Adaptationen eingeführter Verfahren an die Voraussetzungen junger Täter darstellen (z. B. YLS/CMI; PCL:YV). Für einige dieser Instrumente liegen bereits internationale Studien zur Vorhersagegüte vor, deren Ergebnisse bislang weitgehend auf dem Niveau lagen, wie es auch für erwachsene Tätergruppen berichtet wurde. Für einige Instrumente (speziell auch zur Rückfallprognose bei jugendlichen Sexualstraftätern; z B. J-SOAP-II; ERASOR) liegen indessen auch international noch keine Kreuzvalidierungen vor. Erprobungen der Vorhersageleistungen aus dem deutschsprachigen Raum stehen indessen für junge Täter bislang noch völlig aus; hier wurde nur vereinzelt über Erprobungen der grundsätzlichen Anwendbarkeit berichtet, ohne jedoch die erzielbare Vorhersagegüte näher zu untersuchen. Im Rahmen unserer früheren Studien an erwachsene Tätergruppen zeigte es sich, dass insbesondere die Zuverlässigkeit der mittels standardisierter Instrumente erzielten Vorhersagen in Abhängigkeit von Probandenmerkmalen deutlich fluktuierte. Inwieweit dies auch für jugendliche und heranwachsender Täter gilt, ist derzeit noch nicht untersucht. Allerdings wurde bereits auf mögliche Unterschiede von Tätern mit und ohne Migrationshintergrund hingewiesen. Denkbar wären auch, dass bei Tätern in unterschiedlichen Lebensphasen bei Tatbegehung (junges bzw. mittleres Jugendalter versus Heranwachsende) bzw. zum Prognosezeitpunkt (Heranwachsende versus Jungerwachsene) prognostisch unterschiedliche Konstellationen vorliegen. Weiterhin deuten vorliegende Untersuchungen junger Täter mit gravierenden Tathandlungen auf recht hohe Quoten psychopathologischer Besonderheiten, die möglicherweise ebenfalls die Vorhersagegüte moderieren. Es lohnt sich insoweit, die Frage nach möglichen differentiellen Effekten unterschiedlicher Tat- und Tätermerkmale auf die Zuverlässigkeit prognostischer Einschätzungen sehr sorgfältig zu untersuchen. Schließlich soll das Forschungsvorhaben auch Hinweise für etwaige Weiterentwicklungen von Prognosemethoden für junge Tätergruppen geben. Aus diesem Grund sollen Probanden mit gravierenden Rückfällen gesondert untersucht und sowohl die Umstände und Handlungs­abläufe dieser Rückfallereignisse als auch die Ausgangssituation und die weiteren Entwicklungen im sozialen Umfeld nach Haftentlassung analysiert werden. Hiermit soll nicht zuletzt Antwort auf die Frage gegeben werden, ob schwere Rückfallereignisse im Rahmen der Prognose in dieser Form erwartet wurden und – falls nicht – ob sie zum Prognosezeitpunkt hätten erwartet werden können bzw. mit welchen Analyseschritten und Überlegungen man diese Risiken ggf. hätte erkennen können.

¹Vgl. auch Band 1, Heft 2 der Zeitschrift Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie, 2007, zum Schwerpunktthema „Prognose/Sicherungsverwahrung“
²z. B. der Deutsche Richterbund (s. news.yahoo.com v. 25.2.2007); Bündnis 90/Die Grüne (s. Pressemitteilung v. 26.2.2007); Berliner SPD (s. Tagesspiegel v. 26.2.2007)
³z. B. Deutscher Anwaltverein (s. Stellungnahme 2/2007); Die Linke (s. netzeitung v. 26.2.2007); FDP (s. netzeitung v. 26.2.2007); siehe auch Spiegel v. 26.2.2007



Zusammenfassend ergeben sich somit folgende Zielstellungen des Projekts:

  • Evaluation der wichtigsten standardisierten Prognoseinstrumente und einer dezidierten klinisch-idiographischen Prognosemethodik bei einer Kerngruppe von jugendlichen und heranwachsenden Sexual- und Gewaltstraftätern mit schweren Anlassdelikten sowie Entwicklung einer auf diese Zielgruppe zugeschnittenen integrativen Prognosestrategie
  • Vergleichende Untersuchung von Fehlerneigung und ‑richtung der verschiedenen methodischen Zugänge
  • Untersuchung der Hintergründe und Ursachen gravierender Rückfälle und insbesondere von Fehlprognosen mit dem Ziel der Optimierung der Prognosemethode
  • Differentielle Untersuchung möglicher Moderatoreffekte für die Zuverlässigkeit prognostischer Einschätzungen (z. B. Migrationshintergrund, psychopathologische Faktoren, Alter, Merkmale der bisherigen Biographie)



    Letzte Änderung: Mai 2008
    Gestaltung: Anett Galow
    Betreuung: Björn Busse
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