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Interkulturelle Glaubhaftigkeitsattribution

Dipl.-Psych. S. Giljohann, Prof. Dr. phil. R. Volbert

Interkulturelle Glaubhaftigkeitsattributionen spielen in vielen rechtlichen Kontexten eine Rolle und können weit reichende Konsequenzen haben. Glaubhaftigkeitsattributionen sind schon innerhalb einer Kultur sehr fehlerbehaftet (vgl. Bond & DePaulo, 2006), interkulturelle Zuschreibungsprozesse können aber noch mit zusätzlichen Problemen verbunden sein. Eine wesentliche Schwierigkeit in der interkulturellen Kommunikation stellt bereits die sprachliche Verständigung dar. Selbst bei Menschen, die bereits längere Zeit im Aufnahmeland leben und sich in der dortigen Sprache verständigen können, kann nicht automatisch vorausgesetzt werden, dass ihre sprachlichen Kenntnisse zum differenzierten Ausdruck eigener Befindlichkeiten und Erfahrungen ausreichen. Durch den Einsatz eines Dolmetschers kann dieses Problem nicht ohne weiteres beseitigt werden, denn Kommunikationsregeln werden innerhalb einer kulturellen Gruppe sozial vermittelt; die Kenntnisse dieser Regeln ermöglichen eine Interpretation der Mitteilung, die über den rein semantischen Inhalt der Worte hinausgeht. Wörtliche Übersetzungen können von daher irreführend sein, wenn die relevanten Kommunikationsregeln nicht bekannt sind. Kulturspezifisch geprägte Kommunikationsregeln und Narrationsstrukturen können aber auch Einfluss auf die Beurteilung von Informationen haben, wenn Verstöße gegen die Erwartungshaltungen nicht auf Fehlpassungen in der interkulturellen Kommunikation oder auf kulturell geprägte Darstellungsstile, sondern auf eine mangelnde Glaubhaftigkeit der Aussage attribuiert werden. Prozesse interkultureller Glaubhaftigkeitsattribution sind bislang kaum untersucht worden. Die wenigen vorliegenden Studien, die sich mit der Fähigkeit beschäftigen, verbale Täuschungen von Personen aus einer anderen Kultur zu entdecken, erbrachten zudem inkonsistente Ergebnisse (Al-Simadi, 2000; Bond et al., 1990).

Ebenso wenig ist bislang geprüft worden, ob die im Rahmen von Glaubhaftigkeitsbegutachtungen üblicherweise eingesetzte Methode der Kriterienorientierten Inhaltsanalyse in interkulturellen Kommunikationen nutzbringend verwandt werden kann. Obwohl es plausibel ist, dass die Grundannahme des qualitativen Unterschieds zwischen erlebnisbasierten und erfundenen Aussagen nicht kulturspezifisch begrenzt ist, ist bisher nicht untersucht worden, ob die im westlichen Kulturkreis gewonnenen Merkmale zur Erfassung von Aussagequalität universell Gültigkeit haben. Es erscheint möglich, dass sowohl kulturspezifische Einflüsse auf die Verarbeitung und Reproduktion autobiografischer Gedächtnisinhalte (z. B. Wang & Brockmeier, 2002; Wang & Ross, 2005) als auch kulturspezifische Kommunikationsmuster dazu führen können, dass traditionelle Merkmale nicht in jeder Kultur zwischen erlebnisbasierten und erfundenen Aussagen trennen bzw. umgekehrt, dass etwaige qualitative Unterschiede zwischen erlebnisbasierten und erfundenen Aussagen mit den üblichen Glaubhaftigkeitsmerkmalen nur schlecht erfasst werden können.

Eigene Untersuchungen

Zur Prüfung von kulturellen Einflüssen bei der Glaubhaftigkeitsattribution wurden im Rahmen einer Simulationsstudie wahre und erfundene Aussagen unter drei Bedingungen erhoben:

  • In Berlin: Aussagen deutscher Teilnehmer durch deutsche Interviewer (deutsch-deutsche Bedingung).
  • In Istanbul: Aussagen türkischer Teilnehmer durch türkische Interviewer (türkisch-türkische Bedingung). Diese Aussagen wurden nachträglich übersetzt.
  • In Istanbul: Aussagen türkischer Teilnehmer durch deutsche Interviewer, konsekutive Übersetzung während des Interviews durch einen Dolmetscher (türkisch-deutsche Bedingung).

Ingesamt wurden in jeder Untersuchungsbedingung 16 wahre und 16 falsche Aussagen erhoben. Bei den Interviewteilnehmern handelt es sich um Studenten und junge Universitätsabsolventen, die jeweils über ein wahres und ein erfundenes stark negativ geprägtes Erlebnis (z.B. Todesfall, Unfall) berichteten. Die Aussagen liegen als Video-, Audio- und Textmaterial vor; naturgemäß existieren die Aussagen aus der türkisch-türkischen Bedingung in deutscher Übersetzung nur als Text.

Auf Basis dieser insgesamt 96 Aussagen werden Teilstudien mit unterschiedlichen Fragestellungen durchgeführt:

Interkulturelle Glaubhaftigkeitsattribution durch Laien

Drei Stichproben mit jeweils 96 naiven deutschen Beurteilern wurden gebeten, die Aussagen  aus den zuvor beschriebenen drei Untersuchungsbedingungen (deutsch-deutsch, türkisch-deutsch, türkisch-türkisch) in Hinblick auf ihren Wahrheitsstatus zu beurteilen und ihre Beurteilung zu begründen. Hierbei beurteilte eine Stichprobe die Aussagen auf Basis der Videoaufnahmen der Interviews, eine weitere auf Basis der Audioaufnahmen und die dritte auf Basis ihrer Transkriptionen.

Erste Ergebnisse zeigen, dass Beurteiler in der deutsch-deutschen Bedingung den Wahrheitsstatus signifikant besser einschätzen können als in der türkisch-deutschen Bedingung, wenn die Aussagen als Video präsentiert werden. Ob dieses Ergebnis allerdings tatsächlich auf die Schwierigkeit zurückzuführen ist, die Aussagen von Personen mit anderem kulturellen Hintergrund richtig einzuschätzen oder ob im Rahmen der durch Übersetzung unterbrochenen Interviews Aussagenmaterial produziert wird, das schlecht einzuschätzen ist, lässt sich nicht abschließend entscheiden. Zwar bietet der Vergleich der Textversionen prinzipiell die Möglichkeit, diese Frage zu prüfen, da hier nicht nur die deutsch-türkische, sondern auch die türkisch-türkische mit der deutsch-deutschen Bedingung verglichen werden kann. Aus der Basis der Transkripte erzielten jedoch die naiven Beurteiler in keiner Bedingung, also auch nicht in der deutsch-deutschen Bedingung, eine vom Zufall abweichende Trefferquote.

Die Bedeutung der Übersetzung für die Einschätzung des Wahrheitsstatus einer Aussage

96 bilinguale (türkischstämmige, in Deutschland lebende) Teilnehmer werden gebeten, Aussagen aus der deutsch-deutschen und Aussagen aus der türkisch-türkischen Bedingung im Hinblick auf ihren Wahrheitsstatus einzuschätzen. Die Interviews der türkisch-türkischen Bedingung werden sowohl im Original auf Türkisch als auch in deutscher Übersetzung vorgelegt, so dass jeder Teilnehmer insgesamt drei Interviews bewertet. Es soll überprüft werden, ob der Wahrheitsstatus der übersetzten Aussage schlechter einzuschätzen als der der Originalaussage.

Kulturspezifische Effekte auf die inhaltliche Qualität wahrer und erfundener Aussagen

Die vorliegenden Aussagetranskripte werden von zwei Experten einer Kriterienorientierten Inhaltsanalyse unterzogen, um zu prüfen, ob es Unterschiede im Hinblick auf die Aussagequalität zwischen den Bedingungen gibt und ob die vorliegenden Qualitätsmerkmale auch geeignet sind, zwischen wahren und erfundenen Aussagen in der türkisch-türkisch und der türkisch-deutschen Bedingung zu differenzieren.


Al-Simadi, F. A. (2000). Detection of deceptive behaviour: A cross-cultural test. Social   Behavior and Personality, 28, 455-461.

Bond, C. F., Jr. & DePaulo, B. M. (2006). Accuracy of deception judgments. Personality and Social Psychology Review, 10, 214-234.

Bond, C. F., Jr, Omar, A., Mahmoud, A., & Bonser, R. N. (1990). Lie detection across   cultures. Journal of Nonverbal Behavior, 14(3), 189-205.

Wang, Q., & Brockmeier, J. (2002). Autobiographical remembering as cultural practice:   Understanding the interplay between memory, self and culture. Culture & Psychology, 8(1), 45-64.

Wang, Q., & Ross, M. (2005). What we remember and what we tell: The effects of culture   and self-priming on memory representations and narratives. Memory, 13(6), 594-606).




Letzte Änderung: September 2009
Gestaltung: Anett Galow
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