Institut für Forensische Psychiatrie
 
Startseite
Das Institut
Mitarbeiter
Forschung
Lehre
Veranstaltungen
Mitarbeiter
Bibliothek

Der Einfluss des Unspezifitätseffekts auf die Qualität erlebnisbasierter Aussagen

Prof. Dr. phil. Volbert & Dr. med. Lau

Für depressive Patienten ist ein so genannter Unspezifitätseffekt konsistent nachgewiesen worden (zusammenfassend z.B. de Jong-Meyer & Barnhofer, 2002; van Vreeswijk & de Wilde, 2004): Depressive Patienten produzieren auf die Aufforderung, auf der Basis von emotionsbezogenen Hinweiswörtern positiver und negativer Valenz ein spezifisches autobiographisches Ereignis zu berichten, signifikant seltener spezifische Darstellungen als gesunde Vergleichsgruppen, geben lediglich summarische Beschreibungen ab und gehen nicht auf einzelne Begebenheiten und spezifische Details ein. 

In eigenen Untersuchungen ist der Frage nachgegangen worden, ob depressive Probanden auch bei der Aufforderung, ein spezifisches Ereignis möglichst detailliert zu beschreiben, unspezifischer berichten als eine gesunde Kontrollgruppe.

Zur Bedeutung des Unspezifitätseffekts auf die wahren Aussagen Depressiver

12 Frauen mit einer schweren Major Depression, 12 Frauen mit einer schwachen bis mäßigen Major Depression sowie 12 gesunde Frauen wurden gebeten, über die Entbindung ihres ersten Kindes so detailliert wie möglich zu berichten. Zusätzlich wurden der Autobiographical Memory Test (Williams & Broadbent, 1986) und ein Test zur Erfassung der Wortflüssigkeit vorgelegt. 

Der Unspezifitätseffekt bei Depressiven als Reaktion auf einen emotionalen Hinweisreiz wurde repliziert. Aber auch bei der Befragung zu dem spezifischen Ereignis wurden signifikante Unterschiede gefunden: Die Angaben beider depressiver Gruppen zur Entbindung enthielten signifikant weniger Wörter und weniger Details als die Angaben der Gesunden. Da sich in einem Test zur Erfassung der Wortflüssigkeit keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen zeigten, ist nicht davon auszugehen, dass die gefundenen Unterschiede lediglich motivationale und/oder Konzentrationsdefizite reflektieren (Horn, 2004).

Werden erlebnisbasierte Aussagen Depressiver für unwahr gehalten?

Im Rahmen dieser Studie wurde untersucht, ob erlebnisbasierte Aussagen depressiver Probanden auch weniger Realkennzeichen enthalten und ggf. häufiger für erfunden gehalten werden als erlebnisbasierte Aussagen gesunder Frauen. Hierfür wurden Aussagen 18 depressiver Frauen zu einem Geburtserlebnis mit 18 wahren und 18 erfundenen Aussagen gesunder Frauen zu dieser Thematik verglichen.

Während sich die wahren und erfundenen Aussagen der gesunden Frauen signifikant im Sinne der Undeutsch-Hypothese unterschieden (mehr Realkennzeichen in wahren als in erfundenen Darstellungen), lagen keine Unterschiede zwischen den wahren Aussagen der Depressiven und den erfundenen Aussagen der gesunden Frauen vor; stattdessen fanden sich in den wahren Aussagen der Depressiven signifikant weniger Realkennzeichen als in den wahren Aussagen der Gesunden. Wurde die Menge der Realkennzeichen an der Berichtslänge relativiert, zeigten sich letztgenannte Unterschiede allerdings nicht mehr. Vielmehr traten dann signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gruppen erlebnisbasierter Aussagen einerseits und der erfundenen Aussagen andererseits hervor. Die wahren Aussagen Depressiver wurden von den als Rater fungierenden aussagepsychologischen Experten nicht häufiger für erfunden gehalten als die wahren Aussagen Gesunder  (Lüdke, 2008).

Zur Auswirkung des Unspezifitätseffekts auf die Aussagen schizophrener Probanden

Mehrfach ist beschrieben worden, dass der Unspezifitätseffekt auch bei Schizophrenen auftritt (z.B. Warren & Haslam, 2007), vor allem im Hinblick auf Erlebnisse nach Krankheitsbeginn. Es soll geprüft werden, ob erlebnisbasierte Darstellungen eines spezifizierten autobiographischen Ereignisses bei Schizophrenen weniger detailliert sind und weniger Realkennzeichen enthalten als entsprechende Darstellungen Gesunder. Hierfür werden Aussagen schizophrener Frauen zu ihrem ersten Geburtserleben erhoben und mit den Aussagen gesunder Frauen im Hinblick auf Detail- und Realkennzeichenmenge verglichen.



de Jong-Meyer, R. & Barnhofer, T. (2002). Unspezifität des autobiographischen Gedächtnisses bei Depressiven. Psychologische Rundschau, 53, 23-33.

Horn, B. (2004). Die Bedeutung der Unspezifität des Gedächtnisses bei Depressiven für die aussagepsychologische Begutachtung. Unveröffentlichte Diplomarbeit, FU Berlin.

Lüdke, S. (2008). Der Einfluss des Unspezifitätseffekts auf die Aussagequalität: Werden erlebnisbasierte Aussagen depressiver Frauen für unwahr gehalten? Unveröffentlichte Diplomarbeit, FU Berlin.

Vreeswijk, M. F. v. & de Wilde, E. J. (2004). Autobiographical memory specificity, psychopathology, depressed mood and the use of the Autobiographical Memory Test: a meta-analysis. Behaviour Research and Therapy, 42, 731-743.

Warren, Z. & Haslam, C. (2207). Overgeneral memory for public and autobiographical events in depression and schizophrenia. Cognitive Neuropsychiatry, 12, 301-321.

Williams, J.M.G. & Broadbent (1986). Autobiographical memory in suicide attempters. Journal of Abnormal Psychology, 95, 144-149.




Letzte Änderung: September 2009
Gestaltung: Anett Galow
Zurück zur MitarbeiterübersichtZurück zum Seitenanfang